EMDR (EYE MOVEMENT DESENSITIZATION AND REPROCESSING)
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Stand: 2026-03-04
Portabilitaet: UNIVERSAL

WAS IST EMDR?
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EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist ein
psychotherapeutisches Verfahren zur Behandlung von Traumafolgestoerungen.
Entwickelt 1987 von Francine Shapiro.

Kernidee: Traumatische Erinnerungen werden durch bilaterale Stimulation
(Augenbewegungen, taktile oder auditive Reize) verarbeitet und in das
normale Gedaechtnissystem integriert.

ACHTUNG: EMDR ist ein therapeutisches Verfahren, das NUR von ausgebildeten
Therapeuten durchgefuehrt werden darf. BACH beschreibt es informativ.

FRANCINE SHAPIRO - KURZBIOGRAFIE
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  - 1948: Geboren in New York, USA
  - 1987: Zufallsentdeckung beim Spaziergang (Augenbewegungen reduzierten
    belastende Gedanken)
  - 1989: Erste kontrollierte Studie
  - 2001: "Eye Movement Desensitization and Reprocessing" (Standardwerk)
  - 2019: Gestorben

THEORETISCHER HINTERGRUND
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Adaptive Informationsverarbeitungs-Modell (AIP):
  - Das Gehirn verarbeitet Erlebnisse normalerweise im Schlaf (REM-Phase)
  - Traumatische Erlebnisse werden dysfunktional gespeichert:
    Fragmentiert, mit voller emotionaler Ladung, ohne Zeitstempel
  - EMDR reaktiviert das natuerliche Verarbeitungssystem
  - Bilaterale Stimulation aehnelt REM-Schlaf-Augenbewegungen

DAS 8-PHASEN-PROTOKOLL
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1. ANAMNESE UND BEHANDLUNGSPLANUNG
   - Traumageschichte erheben
   - Belastende Erinnerungen identifizieren
   - Stabilitaet des Patienten einschaetzen
   - Behandlungsplan erstellen

2. STABILISIERUNG UND VORBEREITUNG
   - Psychoedukation ueber EMDR
   - Sicherer Ort (Imaginationsuebung)
   - Ressourcen-Installation
   - Affektregulations-Techniken vermitteln

3. BEWERTUNG (ASSESSMENT)
   - Zielbild (repraesentatives Bild der Erinnerung) waehlen
   - Negative Kognition identifizieren ("Ich bin hilflos")
   - Positive Zielkognition formulieren ("Ich kann handeln")
   - VOC-Skala: Validity of Cognition (1-7)
   - SUD-Skala: Subjective Units of Disturbance (0-10)
   - Koerperliche Empfindungen lokalisieren

4. DESENSIBILISIERUNG (REPROZESSIERUNG)
   - Patient haelt Erinnerungsbild + negative Kognition + Koerpergefuehl
   - Bilaterale Stimulation (20-40 Augenbewegungen oder taktile Reize)
   - Danach: "Was kommt jetzt?" -- freie Assoziation
   - Sets wiederholen bis SUD = 0 oder oekologisch valide

5. VERANKERUNG
   - Positive Zielkognition mit der Erinnerung verbinden
   - Bilaterale Stimulation + positive Kognition
   - VOC soll auf 6-7 steigen

6. KOERPER-TEST (BODY SCAN)
   - Erinnerung + positive Kognition denken
   - Koerper von Kopf bis Fuss durchscannen
   - Restliche Spannungen mit bilateraler Stimulation verarbeiten

7. ABSCHLUSS
   - Stabilisierungsuebungen
   - Orientierung im Hier und Jetzt
   - Tagebuch-Empfehlung fuer Zwischenprozessierung

8. NACHBEFRAGUNG
   - In der naechsten Sitzung: Was hat sich veraendert?
   - Neue Belastungen? Traeume?
   - Ggf. weitere Targets bearbeiten

FORMEN DER BILATERALEN STIMULATION
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  - Augenbewegungen: Therapeut bewegt Finger/Stab horizontal
  - Taktil: Tapping auf Knie oder Haende, Buzzer
  - Auditiv: Klick-Toene abwechselnd rechts/links (Kopfhoerer)
  Alle Formen sind gleich wirksam (Forschungsstand).

INDIKATIONEN
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  Starke Evidenz:
    - PTBS (Posttraumatische Belastungsstoerung) -- Goldstandard
    - Akute Belastungsreaktion
  Moderate Evidenz:
    - Angststoerungen, Phobien
    - Trauer, Verlusterfahrungen
    - Chronische Schmerzen
    - Leistungsblockaden
  Erforschung laeuft:
    - Depression, Sucht, Persoenlichkeitsstoerungen

KONTRAINDIKATIONEN
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  - Akute Psychose
  - Akute Suizidalitaet
  - Fehlende Affekttoleranz (erst stabilisieren!)
  - Unkontrollierte Epilepsie
  - Schwere dissoziative Stoerungen (erweiterte Protokolle noetig)
  - Mangelnde therapeutische Beziehung

EVIDENZ UND FORSCHUNG
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  - WHO (2013): EMDR als eine von zwei empfohlenen Therapien fuer PTBS
  - NICE Guidelines (UK): Empfehlung fuer PTBS-Behandlung
  - AWMF S3-Leitlinie (2019): Empfehlung mit Evidenzgrad Ia
  - Meta-Analysen: Effektstaerken vergleichbar mit traumafokussierter KVT
    (Bisson et al., 2013; Chen et al., 2015)
  - Schnellere Wirkung als klassische Gespraechstherapie bei PTBS

ABGRENZUNG
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  EMDR ist KEINE GKV-Richtlinientherapie als eigenstaendiges Verfahren.
  Es wird als Methode INNERHALB von Verhaltenstherapie oder
  tiefenpsychologischer Therapie eingesetzt und so abgerechnet.

ANWENDUNG IN BACH (PSYCHO-BERATER AGENT)
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BACH fuehrt KEIN EMDR durch. Der psycho-berater Agent:
  - Informiert ueber EMDR als Behandlungsoption
  - Verweist auf qualifizierte EMDR-Therapeuten (EMDRIA e.V.)
  - Unterstuetzt bei der Therapeutensuche
  - Kann Stabilisierungsuebungen anleiten (Sicherer Ort)

SIEHE AUCH
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  wiki/psychotherapie/verhaltenstherapie.txt
  wiki/psychotherapie/tiefenpsychologie.txt

LITERATUR (AUSWAHL)
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  Shapiro, F. (2001). Eye Movement Desensitization and Reprocessing.
  Shapiro, F. (2012). Getting Past Your Past.
  Hofmann, A. (2014). EMDR: Praxishandbuch. Thieme.
  Bisson, J. et al. (2013). Psychological therapies for PTSD. Cochrane Review.
