DENKMUSTER (SCHEMAS)
====================

Stand: 2026-01-24

QUELLEN
-------
  Web-Recherche durchgefuehrt am 2026-01-24:
  - britannica.com/science/schema-cognitive
  - simplypsychology.org/schema.html
  - piaget.org (Jean Piaget Society)
  - wikipedia.org/wiki/Schema_(psychology)

DEFINITION
==========
  Schema (Plural: Schemata):
    Kognitives Rahmenwerk oder Konzept, das hilft,
    neue Informationen zu organisieren und zu interpretieren.

  Kernfunktion:
    - Informationen kategorisieren
    - Erwartungen generieren
    - Gedaechtnis strukturieren
    - Schnelle Verarbeitung ermoeglichen

GESCHICHTE
==========

FREDERIC BARTLETT (1886-1969)
-----------------------------
  "Remembering" (1932):
    - Erstes psychologisches Schema-Konzept
    - Experimente zur Gedaechtnisrekonstruktion
    - "Krieg der Geister" - Studie

  Kernbefund:
    Erinnerung ist nicht Wiedergabe, sondern Rekonstruktion
    basierend auf bestehenden Schemata.

JEAN PIAGET (1896-1980)
-----------------------
  Entwicklungspsychologie:
    - Kinder entwickeln Schemata durch Erfahrung
    - Schema = Grundbaustein des Wissens

  Zwei Prozesse:

  ASSIMILATION:
    Neue Information in bestehendes Schema einordnen.
    Beispiel: Kind nennt alle Vierbeiner "Hund".

  AKKOMMODATION:
    Schema anpassen, wenn es nicht mehr passt.
    Beispiel: Neues Schema "Katze" entwickeln.

  Equilibration:
    Balance zwischen Assimilation und Akkommodation.

PIAGET'S ENTWICKLUNGSSTUFEN
===========================

1. SENSOMOTORISCH (0-2 Jahre)
-----------------------------
  - Schemata durch Handeln
  - Objektpermanenz entwickelt sich
  - Schema: "Wenn ich greife, bekomme ich es"

2. PRAEOPERATIONAL (2-7 Jahre)
------------------------------
  - Symbolisches Denken
  - Egozentismus
  - Animismus (alles ist lebendig)

3. KONKRET-OPERATIONAL (7-11 Jahre)
-----------------------------------
  - Logisches Denken ueber Konkretes
  - Klassifikation
  - Reversibilitaet

4. FORMAL-OPERATIONAL (ab 11 Jahre)
-----------------------------------
  - Abstraktes Denken
  - Hypothetisches Reasoning
  - Komplexe Schemata

ARTEN VON SCHEMATA
==================

PERSONEN-SCHEMATA
-----------------
  Definition:
    Wissen ueber Typen von Menschen.

  Beispiele:
    - "Der typische Professor"
    - "Die strenge Lehrerin"
    - Stereotypen (oft problematisch)

  Funktion:
    - Schnelle Einschaetzung
    - Vorhersage von Verhalten

  Problem:
    - Stereotypisierung
    - Selbsterfuellende Prophezeiung

ROLLEN-SCHEMATA
---------------
  Definition:
    Erwartungen an soziale Rollen.

  Beispiele:
    - "Was tut ein Arzt"
    - "Wie verhaelt sich ein Gast"
    - "Pflichten eines Elternteils"

EREIGNIS-SCHEMATA (Scripts)
---------------------------
  Definition:
    Erwartete Abfolge von Ereignissen.

  Beispiele:
    - Restaurant-Script: Betreten, Platz nehmen,
      Speisekarte, Bestellen, Essen, Bezahlen
    - Arztbesuch-Script
    - Meeting-Script

  Nutzen:
    - Automatisches Verhalten
    - Energie sparen
    - Orientierung

SELBST-SCHEMA
-------------
  Definition:
    Organisiertes Wissen ueber sich selbst.

  Komponenten:
    - Physisch: Wie sehe ich aus?
    - Sozial: Welche Rollen habe ich?
    - Psychologisch: Welche Eigenschaften?
    - Zukunft: Moegliche Selbste

  Funktion:
    - Selbstwertgefuehl
    - Handlungsplanung
    - Informationsverarbeitung

OBJEKT-SCHEMATA
---------------
  Definition:
    Wissen ueber Dinge und ihre Eigenschaften.

  Beispiel:
    Schema "Stuhl": Beine, Sitzflaeche, zum Sitzen

KULTURELLE SCHEMATA
-------------------
  Definition:
    Geteilte kulturelle Annahmen und Erwartungen.

  Beispiele:
    - Hoeflichkeitsnormen
    - Zeitverstaendnis
    - Familienbild

SCHEMA-THEORIE UND TEXTVERSTEHEN
================================

TOP-DOWN-VERARBEITUNG
---------------------
  - Schemata leiten Interpretation
  - Erwartungen fuellen Luecken
  - Schnelle Verarbeitung

BOTTOM-UP-VERARBEITUNG
----------------------
  - Textinformation bestimmt Interpretation
  - Schema wird aktiviert durch Text
  - Langsamer, aber genauer

INTERAKTION
-----------
  Normalerweise beide gleichzeitig:
    - Schema aktiviert → Erwartungen
    - Text korrigiert/bestaetigt

AUSWIRKUNGEN AUF GEDAECHTNIS
============================

SCHEMA-KONSISTENTE INFORMATION
------------------------------
  - Leichter erinnert
  - Besser organisiert
  - Manchmal "falsch ergaenzt"

SCHEMA-INKONSISTENTE INFORMATION
--------------------------------
  - Oft besser erinnert (Ueberraschungseffekt)
  - Oder ignoriert (wenn stark Schema-geleitet)
  - Abhaengig von Aufmerksamkeit

SCHEMA UND VERZERRUNGEN
=======================

KONSTRUKTIVES GEDAECHTNIS
-------------------------
  - Erinnerungen werden konstruiert, nicht abgerufen
  - Schemata fuellen Luecken
  - "Falsche Erinnerungen" moeglich

BESTAETIGUNGSTENDENZ
--------------------
  - Schemata beeinflussen, was wahrgenommen wird
  - Konsistentes wird bevorzugt
  - → Confirmation Bias

STEREOTYPISIERUNG
-----------------
  - Personen-Schemata koennen zu Vorurteilen fuehren
  - Individuelle Eigenschaften ignoriert
  - Selbsterfuellende Prophezeiung

SCHEMA-AENDERUNG
================

BUCHHALTER-MODELL (Rothbart)
----------------------------
  - Kleine Anpassungen bei neuer Information
  - Graduelle Aenderung
  - Wie Kontobuchfuehrung

KONVERSIONS-MODELL
------------------
  - Dramatische Aenderung durch starke Evidenz
  - "Aha-Moment"
  - Seltener

SUBTYPING-MODELL
----------------
  - Ausnahmen werden als Subkategorie abgelegt
  - Hauptschema bleibt erhalten
  - Erklaert Persistenz von Stereotypen

SCHEMATA IN DER KI
==================

FRAMES (Minsky, 1975)
---------------------
  - Wissensrepraesentaion in AI
  - Slots mit Default-Werten
  - Vererbungshierarchien

SCRIPTS (Schank & Abelson, 1977)
--------------------------------
  - Ereignis-Schemata formalisiert
  - Fuer Story-Understanding
  - SAM-System

LLMs UND SCHEMATA
-----------------
  - Implizite Schemata in Training Data
  - Kulturelle Biases
  - Keine explizite Schema-Repraesentation

PRAKTISCHE ANWENDUNGEN
======================

BILDUNG
-------
  - An Vorwissen anknuepfen
  - Schemata aktivieren vor Lerninhalten
  - Advance Organizers (Ausubel)

KOMMUNIKATION
-------------
  - Gemeinsame Schemata nutzen
  - Bei unterschiedlichen Schemata: erklaeren
  - Kulturelle Unterschiede beachten

THERAPIE
--------
  - Dysfunktionale Schemata identifizieren
  - Schema-Therapie (Young)
  - Kognitive Umstrukturierung

MARKETING
---------
  - Marken-Schemata aufbauen
  - Erwartungen managen
  - Kongruenz nutzen

SCHEMA-ARBEIT
=============

BEWUSSTMACHEN
-------------
  Fragen zur Selbstreflexion:
    - Welche Annahmen mache ich hier?
    - Woher kommen meine Erwartungen?
    - Was wuerde passieren, wenn es anders waere?

HINTERFRAGEN
------------
  - Stimmt mein Schema mit der Realitaet ueberein?
  - Welche Ausnahmen gibt es?
  - Was verpasse ich vielleicht?

ERWEITERN
---------
  - Neue Erfahrungen suchen
  - Andere Perspektiven einnehmen
  - Gezielt Schema verletzen

BACH-INTEGRATION
================
  Schema-Analyse in BACH:

  Partner-Zuweisung:
    - Claude: Analyse impliziter Annahmen
    - Gemini: Kulturelle Schemata in Texten
    - Ollama: Vertrauliche Selbstreflexion

  Anwendungen:
    - Textanalyse auf implizite Schemata
    - Kulturelle Sensibilitaet pruefen
    - Argumentationsanalyse
    - Kommunikationsberatung

WICHTIGE WERKE
==============
  Bartlett: Remembering (1932)
  Piaget: The Construction of Reality (1954)
  Minsky: A Framework for Representing Knowledge (1975)
  Schank/Abelson: Scripts, Plans, Goals (1977)
  Young: Schema Therapy (2003)

SIEHE AUCH
==========
  wiki/denken/heuristiken.txt
  wiki/denken/denkfehler.txt
  wiki/denken/metakognition.txt
  wiki/denken/kognitive_entlastung.txt

